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Siegfried Pluberg
13 goldene Rettungsringe (Damit Landratten nicht unangenehm auffallen)
von Catrin Barnsteiner, Mitarbeit Matthias Müncheberg (Die Welt 28.6.2003)

1. Gehen Sie an Bord. Springen Sie nicht an Bord! Denn dann fallen die Gläser runter, und wenn das Boot klein ist, vielleicht auch Ihr Skipper. Der erfahrene Segler schreitet an Bord, erst mit dem einen Fuß, und wenn das Boot trägt, zieht er den anderen nach. Experten empfehlen auch ein forsches: „Ich komme an Bord."

2. Vergessen Sie die Werbung, wo Frauen in weißen Kleidern und mit Stilettos an Bord eines Segelschiffs Schokolade essen. Schokolade ist okay, aber Kleider erhöhen die Unfallgefahr, und Stilettos zerkratzen das Teakholzdeck. Und erinnern Sie sich daran, was passiert ist, als Sie früher mit schwarzen Sohlen zum Sportunterricht gingen -Bootseigentümer sind mit ihren weiß gestrichenen Decks manchmal pingeliger als Hausmeister mit ihren Turnhallen.

3. Lernen Sie dieses Wort: Fender. Das ist eine Art Kunststoff puffer, die ausgeworfen werden, wenn das Boot anlegt, damit die Kaimauer nicht die Außenwand zerkratzt. Schlampige Segler erkennt man daran, dass sie ihre Fender beim Ablegen nicht einholen. Das geht gegen die Seglerehre und macht außerdem das Boot langsam, wenn die Fender durchs Wasser pflügen. Wenn Sie also mit einem solchen schlampigen Segler unterwegs sind, greifen Sie beherzt zu und heben Sie anschließend langsam die Augenbrauen Richtung Sonne. Wer die schwarzen Streifen wegrubbelt, die Sie mit Ihren falschen Turnschuhen verursacht haben, dürfte damit geklärt sein.

4. Eine Seglerweisheit lautet: „An Bord pfeift nur einer, und das ist der Wind." Keine Liedchen also. Wenn Sie nicht wissen, was Sie tun sollen, fragen Sie, wie Sie sich nützlich machen kön-nen. Aber fragen Sie! Versuchen Sie nicht, auf eigene Faust Ordnung zu schaffen. Allein auf einem sehr kleinen Boot liegen etwa sieben Enden herum (alles, was auf einem Schiff wie eine Schnur oder ein Seil aussieht, heißt En-de). Diese Enden sind manchmal durch Knoten verbunden, die in den Augen der Landratte unordentlich aussehen kön-nen. Aber bevor Sie aus vermeintlich unordentlichen Knoten ordentliche ma-chen, pfeifen Sie lieber ein Liedchen.

5. Noch eine wichtige Weisheit an Bord: „Eine Hand für dich, eine Hand fürs Schiff." Was bedeutet: Festhalten an Bord ist nicht uncool. Uncool ist öliges Hafenwasser in der Lunge, wenn Ihnen 50 Leute von der Strandbar aus zusehen.

6. Wenn es zum Ankermanöver kommt, können Sie Punkte sammeln. Versuchen Sie jetzt bloß eines nicht -den mindestens 15 Kilo schweren Anker mit einem eleganten Schwung über Bord zu werfen, auch wenn Sie das in Karikaturen oder Comics gesehen haben - des-halb haben Sie es nämlich in Karikaturen oder Comics gesehen. Sie lassen stattdessen den Anker langsam herunter, damit sie merken, wann er den Grund berührt. Werfen Sie ihn hingegen, reißen sein Gewicht und der Schwung möglicherweise Teile aus der Bordwand ins Wasser. Und Sie gleich mit, falls Sie vergessen haben sollten, den Anker am Boot festzumachen.

7. Seekrankheit ist nicht peinlich. Selbst erfahrene Regattasegler, die zu wenig geschlafen haben oder am Abend vorher zu viel getrunken, erwischt es. Ist es so weit, setzen Sie sich in die Mitte des Schiffs, nahe der Kombüse, da ist der Mittelpunkt, und es schwankt am wenigsten. Suchen Sie sich einen Punkt an Land und fixieren Sie ihn. Das bringt Sie mit Ihrem Gleichgewichtsorgan, das im Ohr sitzt, wieder ins Reine. Falls nicht - nehmen Sie unbedingt jemanden mit, der Sie sichert, wenn Sie über die Reling spucken.

8. Wenn ein Hafen im Sommer überfüllt ist, liegen die Boote „im Päckchen", also nebeneinander. Nur das erste liegt direkt am Kai. Das eigene Boot ist dann oft nur zu erreichen, wenn man über die anderen steigt. Und jetzt aufgepasst: Steigen Sie immer diskret über die Vorschiffe, nie hinten lang. Das wäre, als liefen Sie durch anderer Leute Wohnzimmer.

9. An Bord heißen Fahnen Flaggen. Wenn man in einen Hafen ein- oder ausläuft, setzt man die Deutschlandflagge - liebevoll „den Adenauer" genannt - am Heck. Anschließend vergessen Sie aber nicht, sie wieder einzuholen. Und die Fender, die bis dahin immer noch außen baumeln, am besten gleich mit.

10. Es gibt die gute alte Sitte namens „Manöverschluck", den der Skipper nach besonders gelungenen Manövern anordnet: Dann wird eine Flasche Sherry aus der Kombüse geholt. Jeder ordentliche Segler hat eine Flasche trockenen Sherry an Bord. Gut zu wissen, wenn Sie nicht wissen, was Sie als Gastgeschenk mitbringen sollen.

11. Sie müssen an Bord nicht auf die Toilette - Sie müssen auf die Pütz. Das ist ein Plastikeimer. Sie holen also die Pütz, verscheuchen die Mitsegler aus der Kombüse und leeren den Eimer anschließend über die Reling. Das machen alle so. Trotzdem gibt es feine Unterschiede, die ziemlich unfeine Effekte haben können: Erfahrene Segler leeren die Pütz nicht gegen den Wind.

12. Einer der wichtigsten Begriffe an Bord lautet „Wahrschau". Das heißt „Gefahr". „Wahrschau, Baum kommt" ist also keine Stationsdurchsage, sondern die Order, jetzt schnell den Kopf einzuziehen.

13. Wenn Ihnen nicht rechtzeitig eingefallen ist, was „Wahrschau, Baum kommt" bedeutet, Sie jetzt riesige Beulen und bohrende Kopfschmerzen haben und genug vom Segeln: Bieten Sie an, Kaffee zu kochen oder Schnittchen zu schmieren. Elegant tun Sie das, indem Sie fragen: „Kann ich die Backschaft übernehmen?"



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