dankwart Grube über die Whopperisierung der Seemannnssprache Quelle Yacht 25/02
Darunter, dass es sich bei der deutschen Sprache um eine leider recht ausdrucksarme handelt, haben bekanntlich bereits die Herren Schiller, Goethe, Lessing et al gelitten. Mit seiner berühmten Sentenz „Amerika, du hast es besser!“ gab Herr von Goethe diesem Missstand klagenden Ausdruck, und seither hat sein Volk der Dichter und Denker, wie wir alle wissen, jede Anstrengung unternommen, um, ganz im Sinne des berühmten Sohnes Weimars, amerikanische Vokabeln zu adoptieren, mit deren Hilfe unsere Sprache täglich reicher wird.-
Leider wird diese Sprachenexpansion noch nicht in allen Bevölkerungskreisen akzeptiert, leider auch nicht unter allen Segelkameraden. Deshalb wollen wir im Wege einer kleinen Handreichung darüber aufklären, was man heute wie sagt, damit man up to date ist, on top of things oder, kurz, cool. Jeder sollte zum Beispiel wissen, dass eine Regatta schon lange keine Regatta mehr ist, sondern ein Sail, wahlweise Race, jedenfalls immer auch ein Event, an dessen Ende den Gewinnern nicht die Hand gedrückt, sondern mit kraftvollen High-Fives gehuldigt wird. Bei der abendlichen Siegerehrung im Clubhaus sagen nur mehr altehrwürdige Kommodoren und ihre Gattinnen „Guten Abend“, während sich sprachlich Fortgeschrittene mit „Hi!“, gern auch „Hi there!“ begrüßen, mit „Hallo“ jedoch nur, wenn es „Hällo“ gesprochen wird. -
Dann gibt es Cups, nicht Pokale, gelungene Perfor-mances werden mit Standing Ovations ge- würdigt und darauf Cheers ausgebracht. Vorzugsweise zu Scotch, in Fällen geschmackli-chen Handicaps auch zu Bourbon oder, ganz im Norden, zu Flens. -
Auf einem solchen Event wird grundsätzlich Action geschätzt, Beobachter nehmen deren Ausbleiben oder Manöverfehler neuerdings als Flops wahr und kommentieren seglerisch Vorzügliches dagegen mit einem anhaltenden „Whooow“. Ergebnislisten von Events, müssen wir unsere sprachlich zurückgebliebenen Segelkameraden informieren, gibt es auch nicht mehr, denn die heißen nun Rankings, und wenn Sie einem, der sprachlich bereits angekommen ist, gestehen müssen, dass Sie das noch nicht wussten, sagen Sie sachdienlich: „Sorry“. Dito: Das Bemühen, in Rankings zu steigen, ist längst kein Bemühen mehr, sondern eine Challenge, die Drive braucht, einen Push – oder, immer wieder gern genommen, Power, damit man ans Limit und einen höheren Level stößt.-
Bei der Bewertung des Exterieurs einer Yacht ist, seit wir sprachlich expandierten, natürlich nicht mehr von Form die Rede, sondern ausschließlich von Shape, Design und Style. Der Terminus Bootskörper ist out wie Omas Unterwäsche, denn die Sache heißt heute Body.-
Unsere Segelkameraden, die Vorstände in Vereinen sind, möchten wir darauf hinweisen, dass sie es, wenn sie eine solche anberaumen, nicht mit Versammlungen zu tun haben, sondern mit Meetings, auf denen sie nicht Erklärungen abgeben, sondern Statements, zum Beispiel, wenn es um die Jugendarbeit geht, die Förderung der Kids, denn die Bezeichnung Kinder ist mega-out und lässt, gleichwohl verwendet, darauf schließen, dass sich da jemand auf bedauerliche Weise und reaktionär der Moderne verweigert. Segelkameraden, die mit dem Amt eines Kassenwarts betraut sind, empfehlen wir, anlässlich ihrer Rechenschaftsberichte subtil die Vokabeln „Asset Management“ unterzubringen, was ungemein hebt.-
Obwohl die Bezeichnung Crew, was den Sprachstamm angeht, eigentlich okay und, sozusagen, politically correct ist, setzt sich in smarten Kreisen mehr und mehr das Team durch, vermutlich, weil sich das Team leichter mit Spirit verbindet, der ja, wie wir alle wissen, im Southern Ocean, vormals Südpolarmeer, auf der „illbruck“ ebenso eine Rolle spielt wie bei der Wettfahrt über den Baggersee bei Negernbötel – neuerdings „Lake Fun“ – auf der „Ilse-Lore“. Voraussetzung für einen First-Rate-Team-Spirit ist natürlich, dass man nur prima Kumpels an Bord hat, die einen guten Job machen, aber: Die heißen schon lange nicht mehr Kumpels, sondern Buddies.-
Zum Know-how des sprachlich auf der Höhe befindlichen Segelkameraden gehört ferner, dass die Ostsee nur mehr von Herrschaften über 80 Ostsee genannt werden darf, denn: Das Gewässer heißt jetzt Baltics, was der braven See, die so gern ein Meer wäre, eine gleichsam exotische Qualität verleiht, also bewirkt, dass man viel lieber die Baltics besegelt als vor Kühlungsborn kreuzt, was sich immer ein bisschen nach Kaffee und Kuchen und strickender Mami anhört.-
Das Match-Race als ein Highlight und Special Feature seglerischer Events, und eines mit Emotions, hat sich ja gottlob ohne große Widerstände durchgesetzt, was leider vom Champion – besser noch Champ – nicht gesagt werden kann, denn in Rankings unserer Segelverbände werden immer noch Meister unterschiedlicher Klassen geführt, was baldigst abzuschaffen ist, denn ein Meister gehört in eine Fleischerei oder in den Betrieb eines Stellmachers, nicht aber an Deck einer Yacht. Ebenso deplatziert ist die Geschäftsstelle unseres verehrten Segler-Verbandes, die sich mal ein Beispiel an einer großen politischen Partei nehmen sollte, deren Hauptsitz für die Wahl zum Headquarter ernannt wurde, denn die Jungs in den Parteien wissen bei aller Orientierungslosigkeit, die ihnen sonst so eignet, doch wenigstens, wo es sprachlich langgeht.-
Die Abschaffung des blassen Sammelbegriffs Segler und die Substituierung durch den schön mit abenteuerlichem Image assoziierten Sailor geht nur beklagenswert langsam voran, wird aber am Ende nicht dauerhaft aufzuhalten sein und spätestens vollzogen, wenn sich endlich American Football mit seinen First-Rate-Knochenbruchquoten und seinen 42:18-Scores gegen das trostlose alteuropäische Fußballspiel mit den langweiligen 1:0-Resultaten so durchgesetzt hat wie der Quarterback gegen den Libero sowie der Running Back gegen den linken Flügel, von dem, wie jeder weiß, ohnehin nie Gescheites kam.-
Und überhaupt: Der Sprachästhet kann nur mit Wohlwollen auf die, sagen wir mal, Whopperisierung unseres Idioms blicken und jeden ermutigen, der ihr ein neues Lichtlein aus der Neuen Welt aufsetzen will, denn, wie Herr von Goethe heute sagen würde: Just do it.- |